Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Bergedorf in der Hauptkirche St. Michaelis, wo sie der ermordeten Kinder vom Bullenhuser Damm gedacht haben.  (Foto: Miguel Ferraz)

Von Gunnar Herbst

Es ist der Mittag des 20. April 2021, in der Hauptkirche St. Michaelis wird Andacht gehalten. Fünf Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule Bergedorf stehen auf der Empore und verlesen die folgenden Namen: Mania Altmann aus Polen, sieben Jahre alt. Alexander Hornemann aus den Niederlanden, acht Jahre alt. Jacqueline Morgenstern aus Frankreich, zwölf Jahre alt. Insgesamt 20 Namen sind zu hören. Es ist ein stiller Vortrag, der aber umso nachdrücklicher wirkt, weil er an ein grausames Kriegsverbrechen erinnert. Die Namen gehören zu 20 jüdischen Kindern, die in der Nacht zum 21. April 1945 ermordet wurden, zusammen mit vier erwachsenen Pflegern und 24 sowjetischen Kriegsgefangenen.

Die Kinder waren vom KZ Auschwitz ins Hamburger KZ Neuengamme deportiert worden. Dort sollten sie dem SS-Arzt Kurt Heißmeyer für medizinische Experimente zur Verfügung stehen. Um die Spuren dieser Menschenversuche zu vertuschen, wurden die Kinder in jener Nacht zum 21. April 1945, nur wenige Tage vor Kriegsende, im Keller der damaligen Schule Bullenhuser Damm im Stadtteil Rothenburgsort betäubt und erhängt. Heute befindet sich in dem Gebäude eine Gedenkstätte, die von der Vereinigung „Kinder vom Bullenhuser Damm“ initiiert und heute von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme getragen wird.

Inschrift für die ermordeten Kinder, ihre erwachsenen Begleiter und die unbekannten sowjetischen Kriegsgefangenen am Tatort im Keller der Schule mit Kränzen, Blumen und Steinen; 2019 (Foto: Miguel Ferraz)

„Wir dürfen nicht vergessen“

Die Gräueltaten liegen inzwischen 76 Jahre zurück. „Aber wir dürfen sie nicht vergessen“, sagt Pia, 17, eine der Schülerinnen, die im Michel die Namen verlesen. „Wir wollen an sie erinnern und die Menschen über die Kinder vom Bullenhuser Damm aufklären, damit so etwas nie wieder passiert“, ergänzt Luis, 16. „Auch heute gibt es neue, moderne Arten des Nationalsozialismus, die einem auch im Alltag begegnen.“ Und Alyssa, 16, fügt hinzu: „Vergessen ist der erste Schritt zur Wiederholung.“ Im Unterricht haben sie das Dritte Reich intensiv behandelt und an einem Theaterstück über das Kinderkrankenhaus von Rothenburgsort mitgewirkt, wo ebenfalls Kinder ermordet wurden.

Dirk Schattner hat bei dem Theaterstück die Textvorlage erarbeitet. Schattner hat einen Lehrauftrag an der Stadtteilschule Bergedorf. Zusammen mit den Schülerinnen und Schülern hat der Regisseur und Theaterautor aus Rothenburgsort die Aktion im Michel vorbereitet. Zudem arbeitet er an der Oper „The Village“ von Joel Mandelbaum, ebenfalls mit Schülerinnen und Schülern aus Bergedorf, Wandsbek und St. Georg. „Die Oper ist inhaltlich sehr eng mit den Ereignissen am Bullenhuser Damm verknüpft und beruht auf einer weiteren wahren Begebenheit aus dem Holocaust“, sagt Schattner. „Beides hat damit zu tun, dass Menschen Entscheidungen treffen. Ein Soldat kriegt einen Befehl zu töten, und er tut es. Die Leute, um die es in der Oper geht, treffen eine andere Entscheidung. Sie verstecken einen kleinen jüdischen Jungen vor den Nazis.“ Das Opernprojekt wird von der Billebogen Entwicklungsgesellschaft mbH & Co. KG (BBEG) gefördert. Die BBEG ist zudem Besitzerin des Grundstücks mit der denkmalgeschützten ehemaligen Schule am Bullenhuser Damm, für das sie auf Basis einer technischen und denkmalpflegerischen Bestandsaufnahme im Dialog mit vielen Akteuren ein neues Nutzungskonzept entwickelt.

 

Traditionell werden zum Gedenken der Kinder vom Bullenhuser Damm Rosen geplanzt, hier 2019. (Foto: Miguel Ferraz)

Virtuelle Rosen

Seit 1979 setzt sich die Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm e.V. gegen das Vergessen ein. Ein Jahr nach ihrer Gründung rief sie als private Initiative erstmals die Gedenkstätte im Keller der ehemaligen Schule Bullenhuser Damm ins Leben, die vor zehn Jahren umgebaut und erweitert wurde. Zudem legte die Vereinigung einen Rosengarten mit Gedenktafeln für die 20 Kinder und ihre Begleiter an, in dem seitdem Tausende Menschen Rosen zum Andenken der Opfer gepflanzt haben. Auch ein Mahnmal für die unbekannten 24 sowjetischen Kriegsgefangenen als weitere Mordopfer der SS findet sich dort.

Bis zu Beginn der Corona-Pandemie fand in der Turnhalle der Schule und im Rosengarten jährlich am 20. April eine Zeremonie mit Angehörigen der Kinder aus aller Welt statt. Erstmals gab es dieses Jahr eine digitale Form des Gedenkens. In diesem Rahmen wurden in einer von der Vereinigung „Kinder vom Bullenhuser Damm“ initiierten Aktion 500 virtuelle Rosen übersandt.

„Hier stehst du schweigend. Doch wenn du dich wendest, schweige nicht“, ist auf einer Gedenktafel im Rosengarten zu lesen. Die Mittagsandacht im Michel und die digitale Gedenkfeier füllten diesen Satz auch in diesem Jahr mit Leben.

Die diesjährige digitale Gedenkfeier für die Kinder vom Bullenhuser Damm finden Sie hier:

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Weitere Informationen:

www.kinder-vom-bullenhuser-damm.de