Geringe Inanspruchnahme von Flächen, flexibel nutzbare und langlebige Gebäude sowie eine hohe Aufenthaltsqualität: Dank solcher Vorzüge in der Konzeption hat der Neue Huckepackbahnhof ein Vorab-Gütesiegel der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) erhalten. Er wurde als nachhaltiges Gewerbegebiet nach dem DGNB-Platinstandard bewertet, die öffentliche Verleihung des Zertifikats fiel aufgrund der Corona-Pandemie 2020 allerdings aus.

Noch erhebt sich auf dem 11 Hektar großen Gelände im Herzen des Billebogens außer den Werkstätten der Hamburgischen Staatsoper kein Gebäude. Die Grundkonzeption ist dennoch vielversprechend: Ein Standort für urbane Produktion mitten in der Stadt, an dem 2.500 bis 3.000 moderne Arbeitsplätze für gut qualifizierte Mitarbeiter geschaffen werden sollen. Aufgrund der Konversion eines ehemaligen Bahnareals sowie der geplanten gestapelten Bauweise wird – anders als bei vielen anderen Gewerbegebieten – vergleichsweise wenig Fläche in Anspruch genommen und eine hohe Dichte entsteht.

Blick über den künftigen „Gewerbeboulevard“ (Visualisierung: henn)

Mobil, flexibel und langlebig

Auch durch die Ausrichtung auf nachhaltige und urbane Mobilitätsformen kann der Neue Huckepackbahnhof punkten. „Mitten hindurch führt ein Boulevard, der für den Lieferverkehr mit LKW gesperrt ist, so dass hier aufgrund der hohen Aufenthaltsqualität für die Mitarbeitenden und die Besucher innerstädtisches Leben entstehen kann. Die Anlieferung erfolgt über einen zweiten Zuweg“, erklärt Martin Hoffmann von dem Planungs- und Beratungsunternehmen Arcadis, der den Zertifizierungsprozess als Auditor begleitet hat. Darüber hinaus ist der Neue Huckepackbahnhof über die S-Bahnstation Rothenburgsort und verschiedene Buslinien sehr gut an den öffentlichen Nahverkehr und die angrenzenden Quartiere angebunden. Künftig wird direkt über das Gelände eine neue zentrale Grünachse für Hamburg, der Alster-Bille-Elbe-Grünzug, verlaufen.

Zu den entscheidenden Faktoren bei der Zertifizierung zählte auch der Funktionsplan (HENN Architekten), der eine resiliente städtebauliche Struktur ermöglicht. Diese ist so flexibel angelegt, dass das Areal auf verschiedene Zukunftstrends im Bereich des urbanen Gewerbes reagieren kann und somit langfristig die Werthaltigkeit des Standortes für die Freie und Hansestadt Hamburg sichert. Unter anderem können flexible Geschosse mit Raumhöhen von 4,80 bis 8 Metern bedarfsgerecht den verschiedenen Anforderungen, etwa auch für Unternehmenssitze oder Forschung und Entwicklung, angepasst werden. „Die Gebäude sind als dauerhafter Bestand geplant – im Gegensatz zu den eingeschossigen, nutzerspezifischen Hallen in klassischen Gewerbegebieten, die in der Regel eine kurze Lebensdauer haben“, so der Dr. Lukas Gilliard von der Billebogen Entwicklungsgesellschaft (BBEG), die das Quartier entwickelt. Der Bebauungsplan auf Grundlage des Funktionsplans ist in Arbeit.

Moderne gestapelte Produktion – (Infographik: Jochen Stuhrmann)

Weitere Zertifizierung

Bei dem Zertifikat handelt es sich um ein DGNB-Vorzertifikat auf Grundlage der Planungsunterlagen. Mit dem Baufortschritt werden zwei weitere Zertifizierungsschritte erfolgen. Zugrunde liegen die aktuellen Richtlinien des Nutzungsprofils „Gewerbegebiet“ der DGNB aus dem Jahr 2020 – einer Weiterentwicklung der seit 2012 angebotenen Zertifikate für nachhaltige Quartiere. Der Neue Huckepackbahnhof war eines der ersten Quartiere, welches nach diesem neuen Nutzungsprofil zertifiziert wurde, und hat als erstes davon das Prädikat „Platin“ erhalten. Zuvor wurden nach dem Nutzungsprofil „Büro- und Gewerbequartiere“ die Projekte „Lune Delta“ in Bremerhaven (2019), „Kö-Quartier“ in Düsseldorf (2017), „Tegel – Urban Tech Republic“ in Berlin (2016) und „Gateway Gardens“ in Frankfurt (2014) mit dem Prädikat „Platin“ ausgezeichnet.

„Während deutschlandweit bereits mehrere tausend Gebäude nach DGNB-Standard zertifiziert wurden, liegt die Zahl der zertifizierten Quartiere bei etwas über 50“, erklärt Auditor Hoffmann. Insbesondere auch mit dem Platinstandard und seiner Ausrichtung auf die urbane Produktion nehme der Neue Huckebahnhof daher eine besondere Stellung ein.

Dichtes  Gewerbequartier mit Grünqualitäten (Visualsiuerung: henn)

Schlüsselaufgabe heutiger Stadtentwicklung

Das Zertifizierungssystem für nachhaltige Quartiere folgt dem Grundgedanken, dass die Entwicklung von nachhaltigen Quartieren zu den Schlüsselaufgaben der heutigen Stadtentwicklung zählt – nicht zuletzt, um die Klimaschutzziele der Vereinten Nationen zu erfüllen. Die Zertifizierung unterstützt Kommunen und Bauherren dabei, Quartiere zu entwickeln, die einen möglichst geringen CO2-Ausstoß über den Lebenszyklus verursachen – in Planung und Bau, genauso wie in der späteren Nutzung. Das Stadt- und Mikroklima werden ebenso betrachtet wie die Qualität der Gebäude und Freiräume. Die Beurteilung fußt auf fünf Kategorien: Ökologische Qualität, Ökonomische Qualität, Soziokulturelle und funktionale Qualität, Technische Qualität sowie Prozessqualität. In vier der fünf Kategorien erfüllt der Neue Huckepackbahnhof die Anforderungen des Platinstandards. Die Prozessqualität erfüllt den Goldstandard. Unter diesen Punkt fallen zum Beispiel aber auch Workshops mit den involvierten Planern sowie die Beteiligung der späteren Nutzer und Nachbarn, deren Formate erst im Zuge der späteren Planungsschritte sinnvoll konkretisiert werden können.

„Aspekte wie Biodiversität der Grünflächen, die Aufenthaltsqualität und die Barrierefreiheit im öffentlichen Raum lassen sich nur auf Quartiersebene verfolgen. Dasselbe gilt für eine klimagerechte Energieversorgung“, erklärt Dr. Lukas Gilliard von der BBEG, die als Tochtergesellschaft der HafenCity Hamburg GmbH ihren Anspruch auf nachhaltige Stadtentwicklung unterstreicht. Ebenso berücksichtigt werden aber auch die Aspekte der sozialen Nachhaltigkeit: So wird es auf dem Neuen Huckepackbahnhof zum Beispiel eine Kindertagesstätte geben. Für das gesamte komplexe Zusammenspiel nachhaltiger Akteure und Strukturen wird das Areal somit ein neues Zuhause bieten.